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Eine Schmiede ist eine Schmiede ist eine Schmiede ist eine Schmiede ist eine Schmiede 

Laurenz Haverkamp

Jazz-Schmiede Düsseldorf: Werkstätte – Spielstätte – Gaststätte

Eine herausgehobene gesellschaftliche Stellung und kulturgeschichtliche Bedeutung kommt dem Schmied – jenseits seiner Tätigkeit als Handwerker – seit alter Zeit in Asien, Afrika und Europa zu.

Im Alten Testament ist vom ersten Schmied ›Tubal-Kain‹ und seinem Bruder ›Jubal‹ sogar als Erfinder der Musikinstrumente die Rede. Der mit der Leier ›Kinnor‹ musizierende ›König David‹ wird in der Bibel auch als Schmied vorgestellt und in dieser Funktion sogar vom Koran übernommen.

Die Zusammengehörigkeit von Schmiedehandwerk und Musik durchzieht viele Mythen und Bräuche des Orients und Afrikas. ›Hephaistos‹ wird im antiken Griechenland als ›Gott des Feuers‹, als ›Gott der Schmiedekunst‹ und als ›Kulturbringer‹ verehrt. Und die Legende von ›Pythagoras in der Schmiede‹, der auf die wohlklingenden Töne, die durch die Schläge mit dem Schmiedehammer erzeugt werden, verweist, begründet sogar eine erste bis ins Mittelalter nachwirkende, allerdings auch sehr umstrittene ›Theorie der Musik‹ …

In der alten Handwerksschmiede war es zunächst der Klang der Werkzeuge und waren es die Klänge der auf den Amboss und die jeweils in Arbeit befindlichen Werkstücke präzise und zielgerichtet herabgeführten Schläge des Schmiedehammers, der bzw. die den Sound des ehrwürdigen Handwerks bis in das Zeitalter der Industriekultur hinein bestimmten.

Die List eines gütigen Schicksals – und die leidenschaftliche Hartnäckigkeit von enthusiastischen Musikern und musikalischen Liebhabern in Düsseldorf hat nun vor 30 Jahren den Wandel von einer alten Schmiede zu einer neuen ›alten‹ Schmiede – der ›Jazz-Schmiede‹ – ermöglicht, den Wandel von einer Werkstätte zu einer Spielstätte, einem Ort lebendiger, freier künstlerischer Gestaltung im musikalischen Spiel mit einem lebendigen, Anteil nehmenden Publikum.

In der neuen ›alten‹ Schmiede ist es der Klang der Instrumente und sind es die Klänge der Musik, die den Sound einer neuen Zeit ausprägen.

So spiegelt sich in der kulturellen Entwicklung des Schmiedens und in der Ausgestaltung des Berufsbildes des Schmieds – als ›homo faber‹ – gleichsam auch der Wandel von der Schmiede als Werkstätte zur Schmiede als Spielstätte der Musik – für den ›homo ludens‹. Musik als eine Kunstform, die in ihrer Erscheinungsform als Jazz besonders experimentellen, Grenzen austastenden, wenn nicht gar sprengenden Charakter aufweist! Kann es eine symbolträchtigere Werk- und Spielstätte geben für das unmittelbaren Zwecken enthobene freie Spiel von Kräften, die auf das akustisch sinnliche Erlebnis des Musikers ebenso wie auf das des Musik Hörenden und Nachempfindenden ausgerichtet sind? In der Gegenwärtigkeit des spielerisch lebendigen Vollzugs musikalischer Gestaltung in der ›Jazz-Schmiede‹ – und in der ihr darüber hinaus zugewachsenen Funktion als gastlicher Stätte – entsteht in den besten Momenten der authentische ästhetische Genuss für Künstler und Musiker, für Besucher und Zuhörer.

Stehen in dieser öffentlichen und gastlichen Stätte – einer alten Werkstatt für neue Werke – nicht die Chancen besonders gut für das Gelingen des Schmiedens eines – wenigstens für den Moment gültigen – ästhetischen Paktes zwischen Künstler, Kunstwerk und kunstsinnigem Gast? Und – um es mal spielerisch zu überspitzen – kann nicht letztlich der Mensch besonders da ganz Mensch sein, wo er, sie, es jazzt?

Stehen in dieser öffentlichen und gastlichen Stätte – einer alten Werkstatt für neue Werke – nicht die Chancen besonders gut für das Gelingen des Schmiedens eines – wenigstens für den Moment gültigen – ästhetischen Paktes zwischen Künstler, Kunstwerk und kunstsinnigem Gast? Und – um es mal spielerisch zu überspitzen – kann nicht letztlich der Mensch besonders da ganz Mensch sein, wo er, sie, es jazzt?

Im Jazz – in seiner spielerischen, assoziativen, intuitiven und bisweilen auch wohlkalkulierten Form und im andeutenden Fragment – wird im Moment des Hörens einerseits die romantische Sehnsucht des Gastes, sein Bedürfnis nach einem rational zu erfassenden Gesamtzusammenhang, nach Sinn bedient, aber andererseits durch die untergründige Entgrenzung des Endlichen, Isolierten wieder aufgehoben. Der Jazz – in seinen verschiedenen Erscheinungsformen bis hin zu freien, scheinbar formlosen (Un-)Formen – kultiviert spielerisch und gewitzt eine Offenheit, die für den Hörer im sinnlichen Vollzug des Spiels wirken kann: herausfordernd, befreiend, tröstend, reinigend, bisweilen erlösend … gerade weil keine zweckdienlichen Pläne mehr ›geschmiedet‹ werden (müssen) … Und wäre das nicht eine Pointe des Funktionswandels von der Werk- zur Spielstätte ›Schmiede‹? Der Jazz – wie Kunst und Musik vielleicht überhaupt – ›entlastet‹ in besonderen Momenten den sinnlich (An-)Teilnehmenden durch den rettenden Augenblick ästhetischen Vergnügens …